Das Problem ist nicht der Konflikt. Sondern unsere Angst davor.
Ich erlebe es immer wieder.
In Teams. In Projektgruppen. In Vereinen. In Organisationen.
Alle spüren: Da ist etwas.
Ein rosa Elefant steht mitten im Raum. Groß. Unübersehbar.
Und niemand spricht ihn an.
Stattdessen drehen sich Diskussionen im Kreis. Entscheidungen werden vertagt. Kleine Sticheleien nehmen zu. Lager bilden sich. Allianzen verstärken sich gegenseitig in ihrer Sicht.
Und offiziell?
Alles „gut“.
In der Arbeit mit Deep Democracy gibt es für diese Dynamik klare Begriffe:
Edges: das, was wir nicht überschreiten wollen.
Und Cycling: das ewige Kreisen um das Eigentliche.
Solange niemand innehält und ausspricht, was wahrgenommen wird, bleibt die Spannung unter der Oberfläche. Oft aus Angst.
Angst, dass etwas hochkommt, das sich nicht mehr kontrollieren lässt.
Dass Gefühle sichtbar werden.
Dass wir uns zeigen müssen.
Also machen alle weiter wie bisher.
Doch Konflikte verschwinden nicht, nur weil wir sie ignorieren.
Wenn sie lange genug unterdrückt werden, kommen sie mit Wucht zurück. Erst als Reibung. Dann als offener Streit. Im schlimmsten Fall als Abbruch von Beziehung.
Ich kenne dieses Muster gut. Ich habe es beobachtet und ich war selbst mittendrin.
Und ich weiß, wie sehr es uns blockiert. Wie viel Energie es frisst. Wie es uns von unserer eigentlichen Intention entfernt. Von dem, was wir gemeinsam gestalten wollen.
Genau deshalb habe ich mich intensiver mit Konfliktdynamiken beschäftigt. Mit der Frage:
Wie können wir Spannungen frühzeitig erkennen, bewusst machen und so nutzen, dass wir daran wachsen, statt daran zu zerbrechen?
Warum „nett einigen“ oft nicht reicht
Mediation ist wertvoll. Gemeinsame Interessen herausarbeiten. Einen tragfähigen, goldenen Konsens finden. Das Gesicht wahren.
Das kann funktionieren.
Doch ich habe auch erlebt:
Manchmal bleibt dabei Entscheidendes unausgesprochen.
Gerade das, was weh tut.
Gerade das, was Scham auslöst.
Gerade das, was wirklich transformieren könnte.
Wenn Menschen danach getrennte Wege gehen, mag das genügen.
Wenn Zusammenarbeit jedoch weitergehen soll – oder sogar muss – dann reicht eine oberflächliche Einigung oft nicht. Was nicht ausgesprochen wurde, wirkt weiter. Still. Subtil. Zermürbend.
Deep Democracy: Konflikt als Wachstumsraum
Für mich ist Deep Democracy die Methode der Wahl, wenn es darum geht, das Transformationspotenzial von Konflikten zu nutzen, egal ob im unternehmerischen, im kommunalen oder im persönlichen Kontext.
Das Entscheidende ist die Haltung der Beteiligten. Drei Grundannahmen bilden das Fundament, das von allen akzeptiert wird:
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Niemand besitzt die alleinige Wahrheit. Jede Wahrnehmung ist eine Perspektive auf Realität, nicht richtig oder falsch, sondern ein weiterer Blickwinkel.
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Es geht nicht ums Gewinnen. Es geht darum, in Beziehung zu bleiben, voneinander zu lernen und eine tragfähige Lösung zu finden.
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Konflikte sind Wachstumschancen. Und Wachstum kann schmerzhaft sein, besonders dann, wenn wir die Körnchen Wahrheit im Gesagten erkennen oder unseren eigenen Schatten begegnen.
Ohne die Zustimmung zu diesen Grundannahmen funktioniert der Prozess nicht. Manchmal braucht es auch noch weitere Prämissen, damit gesagt werden kann, was gesagt werden muss. Mit ihnen entsteht ein sicherer Rahmen, in dem echter Streit möglich wird.
Und ja, ich meine echten Streit.
Im Deep-Democracy-Prozess streiten nicht Menschen gegeneinander, sondern Rollen.
Rolle A steht für eine Position.
Rolle B für die Gegenposition.
Die Beteiligten sprechen aus ihrer Rolle heraus. Dadurch entsteht Sicherheit. Kritik trifft nicht die Person, sondern die Position.
Und dann fliegen die Pfeile.
Zuerst alle Pfeile von Rolle A auf Rolle B.
Dann umgekehrt.
Im Wechsel.
Klar. Direkt. Ungefiltert.
Und hier passiert etwas Entscheidendes: Rollenfluidität.
Jede Person kann jederzeit die Seite wechseln.
Wenn ein Argument nicht mehr stimmig ist – Wechsel.
Wenn ein „Pfeil“ der Gegenseite ins Schwarze trifft – ebenfalls Wechsel.
Plötzlich wird sichtbar:
Wir tragen mehrere Perspektiven in uns.
Der vermeintliche Gegner ist nicht nur „die anderen“.
Die Samenkörner der Wahrheit
Nachdem alle Pfeile geschossen wurden, beginnt der eigentliche Schatzsucher-Moment.
Jede Person fragt sich und teilt:
Welches Samenkorn der Wahrheit steckt in dem, was ich gehört habe?
Und was hat das mit mir zu tun?
In fast jeder Anklage steckt ein Körnchen Wahrheit.
Oft überzeichnet, weil es zu lange nicht gehört wurde.
Wenn beide Seiten bereit sind, diese Wahrheitskörner anzunehmen, geschieht etwas Beeindruckendes:
Menschen wachsen.
Nähe entsteht.
Die Energie im Raum verändert sich spürbar.
Und dann ist der Konflikt nicht einfach „beigelegt“.
Er ist integriert.
Die Gruppe hat gelernt. Über sich. Über ihre Dynamiken. Über ihre blinden Flecken.
Und sie wird zukünftige Spannungen schneller erkennen.
Konflikte zu ignorieren ist teurer als sie zu führen.
Sie kosten Vertrauen. Motivation. Kreativität.
Manchmal kosten sie gute Menschen.
Ein gut moderierter Konflikt hingegen kostet Mut und bringt Entwicklung.
Nicht jeder Streit braucht Deep Democracy.
Aber überall dort, wo Spannungen feststecken, wo Gespräche sich im Kreis drehen, wo unterschwellige Dynamiken wirken, kann dieser Ansatz Türen öffnen.
Ich habe erlebt, wie kraftvoll dieser Prozess ist. Wie aus Verhärtung Bewegung wird. Wie aus Polarisierung Verständnis entsteht. Nicht weichgespült. Sondern echt.
Und ich weiß auch:
Allein gelingt das selten.
Es braucht einen klaren Rahmen. Struktur. Und jemanden, der den Prozess hält, wenn es emotional wird.
Wenn bei euch ein rosa Elefant steht
Dann wartet nicht, bis er trampelt.
Wenn ihr spürt, dass Spannungen eure Zusammenarbeit lähmen, wenn ihr merkt, dass sich Fronten verhärten oder Entscheidungen blockiert sind, dann lasst uns sprechen.
Konflikte sind kein Zeichen von Scheitern.
Sie sind ein Zeichen von Lebendigkeit.
Und richtig begleitet, sind sie der Beginn von etwas Besserem.
Ich freue mich darauf, Räume zu halten, in denen Streit möglich wird und Wachstum entsteht.
Schreib mir gerne petra at prosoparis.de