Wenn das Jahr leiser wird
Über Abschließen, Loslassen und innere Ordnung
Gegen Ende des Jahres verändert sich oft etwas. Nicht spektakulär. Eher unauffällig. Termine werden weniger. Gespräche kürzer. Und zwischen all dem, was noch erledigt werden will, entsteht manchmal ein Moment, in dem wir kurz stehen bleiben.
Die stille Last des Nicht-Abschließens
Rückblickend wird sichtbar, was dieses Jahr alles getragen werden musste. Projekte, Verantwortung, Konflikte, Erwartungen. Eigene Themen. Gesellschaftliche Spannungen. Vieles davon bleibt in uns. Auch dann, wenn wir längst zum nächsten Punkt übergehen.
Und genau dort beginnt ein Problem, das wir oft unterschätzen: Nicht das Tempo erschöpft uns, sondern das Nicht-Abschließen. Gedanken, Gespräche, Bilder, Gefühle – sie verschwinden nicht einfach. Sie setzen sich fest. Leise. Unauffällig. Und irgendwann wird es eng im Inneren.
Klarheit geht verloren. Entscheidungen werden schwerer. Wir reagieren schneller, als wir eigentlich wollen. Oder wir ziehen uns zurück. Diese innere Überlastung zeigt sich oft erst dann, wenn der Körper, das Nervensystem, das Innere sagt: Es reicht für dieses Jahr.
Was unbemerkt in uns bleibt
Unabgeschlossene Gedanken
Gespräche, die in uns weitergehen. Themen, die keine Lösung fanden. Fragen, die offen blieben.
Nicht verarbeitete Gefühle
Enttäuschungen, Sorgen, Spannungen – all das, was wir zur Seite geschoben haben, um weiterzumachen.
Übernommene Verantwortung
Nicht alles, was wir tragen, ist unseres. Manches haben wir unbewusst aufgeladen bekommen.
Gesellschaftliche Spannungen
Das Weltgeschehen, die Nachrichten, die kollektiven Themen – auch sie wirken in uns nach.
Diese inneren Ablagerungen machen sich oft nicht direkt bemerkbar. Doch sie beeinflussen, wie wir wahrnehmen, entscheiden und handeln. Sie färben unsere Gedanken, ohne dass wir es merken.
Die Weisheit der Kogi
In diesem Jahr durfte ich den Kogi begegnen, einem indigenen Volk aus Kolumbien. Was mich dabei besonders berührt hat, war nicht das Exotische oder Spirituelle, sondern etwas sehr Bodenständiges: ihr selbstverständlicher Umgang mit innerer und äußerer Ordnung, mit Materiellem und Spirituellem.
Für die Kogi gehört es zum Leben, regelmäßig innezuhalten und abzugeben, was nicht mehr getragen werden soll. Nicht als großes Ritual, sondern als alltägliche Praxis. So selbstverständlich wie Atmen.
Diese Haltung hat bei mir etwas verschoben. Sie zeigt, dass innere Ordnung kein Luxus ist, sondern eine grundlegende Lebenskompetenz. Ein Umgang mit uns selbst, der Raum schafft für das, was wirklich wichtig ist. Ein Weg, der uns nicht von der Welt trennt, sondern uns klarer in ihr stehen lässt.
Loslassen ist kein Rückzug, es ist Verantwortung
Viele Menschen, gerade in Verantwortung, tun sich schwer mit dem Gedanken des Loslassens.
Es fühlt sich an wie Aufgeben. Wie Schwäche. Oder wie Kontrollverlust.
Meine Erfahrung ist eine andere:
Loslassen ist oft der Moment, in dem wir wieder handlungsfähig werden.
Nicht alles, was wir tragen, ist unseres.
Nicht jede Geschichte muss weitergeführt werden.
Nicht jede Spannung gehört in das nächste Jahr.
Ich habe in den letzten Monaten gemerkt, wie viel Kraft frei wird, wenn wir ehrlich anerkennen, wo unsere Grenzen sind. Und dass nichts zusammenbricht, wenn wir sie ernst nehmen. Im Gegenteil: Orientierung entsteht oft erst dann.
Eine Praxis für das Jahresende oder auch für zwischendurch
Für die Tage zwischen den Jahren teile ich hier eine einfache Praxis der Kogis, die mir selbst hilft, innerlich aufzuräumen. Sie braucht kein Vorwissen, keine besondere Vorbereitung, nur die Bereitschaft, ehrlich hinzuschauen.
Die Mamos nennen den Weg des Loslassens Alunayigwasi. Anhalten, aussprechen, abgeben.
Ort finden
Geh in die Natur, an einen Platz, der Dich ruft: ein Baum, ein Stein, ein Gewässer, ein stiller Platz. Nimm dir Zeit, diesen Ort bewusst wahrzunehmen.
Material wählen
Suche dir ein natürliches Material aus deiner Umgebung, zum Beispiel Moos, ein Stück Pflanzenfaser oder etwas Vergleichbares, das etwas bauschig bzw. flauschig ist, so dass es Gedanken & Gefühle gut aufnehmen kann. Etwas, das für dich stimmig ist, um all das Negative aufzunehmen und etwas für alle Wünsche & all das Positive. Halte das Material für das Negative in der linken Hand und für das Positive in der rechten Hand.
Aussprechen
Sprich – leise oder laut – all das in das Material in der linken Hand hinein, was du nicht mitnehmen möchtest: Gedanken, Gefühle, Gespräche, Sorgen, innere Geschichten. Auch das, was dich im Weltgeschehen bewegt hat. Oder Themen aus deiner Familie, deiner Biografie, Konflikte, die Du nicht lösen kannst. Sprich es auch mit dem Gedanken aus, dass Du es an die Erde abgeben kannst und die Erde sich über alles von Dir freut, weil sie dadurch genährt wird.
Ablegen
Wenn du spürst: Jetzt ist es genug lege das Material an diesem Ort ab, der Dich gerufen hat, in der inneren Ausrichtung, dass die Erde das aufnimmt und verwandelt.
Abschließen
Drehe dich einmal im Uhrzeigersinn, um diesen Teil bewusst abzuschließen. Spüre nach, was sich verändert hat.
Was du mitnehmen möchtest bzw. Deine positiven Gedanken & Gefühle
Anschließend kannst du auch das formulieren, was du ins neue Jahr mitnehmen möchtest: Ausrichtung, eine innere Ausrichtung, die dich trägt. Eine Richtung, die sich richtig anfühlt auch wenn du den Weg noch nicht kennst. Sprich es in das Material in Deiner rechten Hand und erzähl es gleichzeitig der Erde.
Wünsche, nicht als Forderung an das Leben, sondern als sanfte Einladung. Was möchte sich durch dich entfalten im kommenden Jahr?
Dank für das, was dieses Jahr geschenkt hat. Für die Menschen, die Momente, die Erkenntnisse. Auch für das Schwierige.
Dafür kannst du denselben Ort nutzen oder einen anderen und zum Ende übergibst Du das Material der Erde.
Zum Abschluss dreh dich einmal gegen den Uhrzeigersinn. Nimm dir danach einen Moment, um nachzuspüren. Oft zeigt sich eine Klarheit, die nicht laut ist aber tragfähig.
Warum das mehr ist als eine persönliche Übung
Was ich daran wichtig finde:
Diese Praxis wirkt nicht nur individuell.
Wenn viele Menschen bewusst abschließen, loslassen und sich neu ausrichten, verändert sich auch das Feld, in dem wir uns bewegen. Beziehungen werden klarer. Entscheidungen ruhiger. Prozesse ehrlicher.
Wandel – ob in Organisationen, Gemeinschaften oder Gesellschaft – beginnt selten im Außen. Er beginnt dort, wo Menschen aufhören, alte Muster unreflektiert weiterzutragen.
Vielleicht ist genau jetzt ein guter Moment dafür.
Nicht, um perfekt ins neue Jahr zu starten.
Sondern um mit weniger Ballast und mehr innerer Klarheit weiterzugehen.
Eine Einladung zum Weitergehen
Wenn dich diese Gedanken berühren und du spürst, dass du tiefer eintauchen möchtest, gibt es dafür einen Raum.
In enger Zusammenarbeit mit Männern und Frauen des indigenen Kogi-Volkes aus Kolumbien ist mit der Timeless Wisdom Academy ein digitaler Lernraum entstanden, der Einblicke in ihre Lebensweise, ihr Weltverständnis und ihre spirituellen Praktiken ermöglicht.
Diese Academy ist auf Einladung und im Auftrag der Kogi entstanden.
Mein Dank gilt Lukas Buchholz und Anna Reisch, die diesen Auftrag angenommen haben und die Timeless Wisdom Academy mit großer Sorgfalt, Ausdauer und Integrität in die Welt gebracht haben.
Die Academy verbindet dieses indigene Wissen mit heutigen Fragen zu innerer Balance, Beziehungsgestaltung, Führung und Gemeinschaft – in einem respektvollen, partnerschaftlichen Austausch und mit klarer Rückbindung an die indigene Gemeinschaft.
Ein wesentlicher Teil der Erlöse fließt direkt in den Rückkauf von Land für die Kogi und unterstützt damit ihre Bemühungen, ihre Lebensgrundlagen, ihre Kultur und ihr Wissen langfristig zu bewahren.
Für alle, die sich damit vertiefend beschäftigen möchten, gibt es über meinen persönlichen Zugang eine Ermäßigung von 10 % auf die Academy und alle enthaltenen Kurse.
(Code: KOGIWISSEN10)
👉 https://timeless-wisdom.com/de/